Was ist Kultur eigentlich? Jenseits von Stereotypen

Zwei Kolleginnen sitzen im selben Meeting. Sie hören dieselbe Präsentation, verfolgen dieselbe Diskussion und verlassen anschließend denselben Raum. Auf dem Weg zur Kaffeemaschine sagt die eine: „Das war doch eine klare Entscheidung.“ Die andere schaut überrascht: „Interessant. Ich dachte, wir sammeln noch Ideen.“ Wer hat recht? Wahrscheinlich beide. Genau hier beginnt die Frage, mit der sich die Ethnologie seit über hundert Jahren beschäftigt: Wie entsteht unser Verständnis von der Welt? Warum erscheint eine Situation für die eine Person eindeutig, während sie für eine andere offen bleibt? Und was hat all das mit Kultur zu tun?

Wenn Menschen das Wort Kultur hören, denken viele zunächst an Länder, Sprachen, Traditionen oder Feiertage. An deutsche Pünktlichkeit, italienisches Essen oder japanische Höflichkeit. Kultur erscheint dann wie eine Sammlung von Eigenschaften, die bestimmten Nationen oder Gruppen zugeschrieben werden können. Praktisch, übersichtlich, schnell erklärbar. Leider auch ziemlich ungenau. Aus ethnologischer Perspektive ist Kultur weit mehr als Herkunft, Sprache oder Tradition. Sie begegnet uns nicht nur auf Reisen oder in Situationen, die wir als „interkulturell“ markieren. Kultur begleitet uns jeden Tag: in Meetings, Feedbackgesprächen, Familienroutinen, Entscheidungsprozessen, Konflikten, Pausenräumen und E-Mail-Verläufen. Sie zeigt sich darin, was wir für höflich halten, wann wir Widerspruch angemessen finden, wie direkt wir kommunizieren, wem wir vertrauen, was wir als professionell erleben und welche Art von Zusammenarbeit uns selbstverständlich erscheint. Kultur ist also nicht nur etwas, das „andere“ haben. Kultur betrifft uns alle. Eine bekannte Metapher beschreibt Kultur als Eisberg. Sichtbar sind Sprache, Essen, Kleidung, Symbole oder Rituale. Sie bilden die Spitze des Eisbergs und prägen häufig unsere Vorstellung davon, was Kultur ausmacht. Der weitaus größere Teil bleibt jedoch unter der Oberfläche verborgen: Vorstellungen von Respekt, Zugehörigkeit, Verantwortung, Autorität, Zeit, Vertrauen oder guter Zusammenarbeit. Gerade diese weniger sichtbaren Dimensionen entscheiden oft darüber, wie Menschen Situationen verstehen und bewerten. Das Entscheidende ist: Diese Dinge fühlen sich selten kulturell an. Sie fühlen sich für uns einfach normal an. Und genau darin liegt ihre Kraft.

Der Anthropologe Clifford Geertz beschrieb Kultur als ein „selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe“, in das Menschen eingebunden sind. Kultur ist demnach kein Besitz und keine feste Eigenschaft einzelner Personen. Sie ist vielmehr ein Geflecht von Bedeutungen, Deutungen und Orientierungsmustern, durch das Menschen ihre Welt verständlich machen. Diese Perspektive verändert den Blick grundlegend. Kultur ist dann nicht länger etwas, das Menschen haben, sondern etwas, das Menschen tun. Sie entsteht in Beziehungen, Gesprächen, Routinen, Konflikten und Aushandlungen. Sie zeigt sich darin, wie Menschen Situationen interpretieren und welchen Sinn sie ihrem eigenen Handeln und dem Handeln anderer zuschreiben. Was wir als normal, höflich, effizient oder angemessen empfinden, erscheint uns häufig deshalb selbstverständlich, weil wir gelernt haben, Situationen auf bestimmte Weise zu verstehen. Kultur liefert dabei keine festen Handlungsanweisungen. Sie funktioniert eher wie ein Repertoire an Deutungsangeboten. Sie beeinflusst, worauf wir achten, was wir erwarten und welche Bedeutung wir dem Verhalten anderer Menschen zuschreiben.

Gerade deshalb ist Kultur kein Herkunftsmerkmal. Menschen lassen sich selten auf eine einzige Zugehörigkeit reduzieren. Eine junge Auszubildende aus Saarbrücken kann mit einer Gleichaltrigen aus Nairobi mehr Gemeinsamkeiten teilen als mit ihrem eigenen Großvater. Eine Führungskraft und ein Mitarbeitender desselben Unternehmens können dieselbe Situation völlig unterschiedlich bewerten. Und zwei Menschen aus demselben Land können in einem Meeting grandios aneinander vorbeireden. Aus ethnologischer Perspektive ist deshalb weniger interessant, woher Menschen kommen, sondern wie sie Situationen verstehen und welche Bedeutungen sie ihnen zuschreiben. Diese Frage wird besonders spannend, wenn wir auf unsere eigene Wahrnehmung blicken. Viele Menschen gehen davon aus, Situationen weitgehend objektiv zu beurteilen. Die Forschung zeichnet jedoch ein anderes Bild. Unser Gehirn verarbeitet täglich eine enorme Menge an Informationen. Um handlungsfähig zu bleiben, greifen wir auf Erfahrungen, Routinen und Vereinfachungen zurück. Sie helfen uns, Orientierung zu finden, beeinflussen aber zugleich, was wir sehen, wem wir glauben und welche Deutungen uns plausibel erscheinen.

Ein gut erforschter Mechanismus ist der sogenannte Affinity Bias. Er beschreibt die Tendenz, Menschen positiver zu bewerten, die uns ähnlich erscheinen. Das kann Sprache betreffen, Ausbildung, Kommunikationsstil, Interessen, Lebenswege oder berufliche Erfahrungen. Menschen, die uns vertraut wirken, erscheinen häufig kompetenter, sympathischer oder vertrauenswürdiger. Nicht unbedingt, weil sie es objektiv mehr sind, sondern weil sie besser in unsere Erwartungen passen. Das ist kein moralisches Scheitern. Es ist menschlich. Aber gerade weil es menschlich ist, braucht es Reflexion. Die Hoffnung, die Welt möglichst objektiv wahrzunehmen, ist verständlich. Vollständig einlösen lässt sie sich nicht. Wir blicken nicht aus dem Nirgendwo auf die Welt. Wir blicken immer von irgendwo. Genau deshalb ist Selbstreflexion kein Luxus für Menschen mit zu viel Zeit, sondern eine Voraussetzung für Verstehen. Das Schwierige an Kultur ist, dass wir sie meist erst dann wahrnehmen, wenn etwas nicht so läuft wie erwartet. Solange Kommunikation funktioniert, Entscheidungen nachvollziehbar erscheinen und andere Menschen sich so verhalten, wie wir es erwarten, bleibt Kultur weitgehend unsichtbar. Sie bildet den Hintergrund unseres Handelns. Erst in Momenten der Irritation tritt sie in den Vordergrund.

Der Anthropologe Michael Agar hat für solche Situationen den Begriff des Rich Point geprägt. Gemeint sind Momente, in denen unsere gewohnten Erwartungen nicht aufgehen. Vielleicht verlässt eine Kollegin ein Meeting mit einem völlig anderen Verständnis der besprochenen Vereinbarung. Vielleicht wird ein Feedbackgespräch anders aufgenommen als beabsichtigt. Vielleicht wirkt eine Reaktion auf den ersten Blick unverständlich. Oder jemand sagt diesen wunderbaren Satz, der in Organisationen schon so manche Eskalation eingeleitet hat: „Aber das war doch klar.“ War es vielleicht. Für eine Person. Wer jemals gedacht hat: „Wie kann man das denn so verstehen?“ oder „Warum reagiert diese Person so?“, ist vermutlich bereits einem solchen Rich Point begegnet. Für Agar sind diese Momente keine Störungen, die möglichst schnell beseitigt werden sollten. Im Gegenteil: Sie bieten die Chance, die eigenen Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und neue Perspektiven zu entdecken. Aus ethnologischer Sicht sind Irritationen deshalb besonders wertvoll. Sie machen sichtbar, dass unser Verständnis der Welt nicht alternativlos ist. Was für uns selbstverständlich erscheint, muss für andere nicht selbstverständlich sein. Und was uns zunächst unlogisch vorkommt, kann aus einer anderen Perspektive vollkommen Sinn ergeben.

Doch Kultur ist nicht nur eine Frage individueller Wahrnehmung. Sie ist auch mit Macht, Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Ordnung verbunden. In jeder Organisation und in jeder Gesellschaft existieren Vorstellungen darüber, was als professionell, kompetent oder passend gilt. Diese Vorstellungen erscheinen häufig neutral. Tatsächlich sind sie historisch gewachsen, sozial eingeübt und institutionell stabilisiert. Der Soziologe Pierre Bourdieu beschrieb solche Selbstverständlichkeiten als Teil unseres Habitus: Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, die unser Verhalten strukturieren, ohne dass wir sie ständig bewusst reflektieren. Der Habitus ist kein Gefängnis. Menschen sind keine Marionetten ihrer Herkunft, Klasse oder Organisation. Aber er macht verständlich, warum bestimmte Umgangsformen, Geschmäcker, Kommunikationsweisen oder Erscheinungsformen in manchen Kontexten als passend gelten und in anderen nicht. Dadurch werden bestimmte Perspektiven sichtbarer und anschlussfähiger als andere. Menschen, deren Kommunikationsweisen, Erfahrungen oder Lebenswege stärker den etablierten Erwartungen entsprechen, bewegen sich häufig leichter durch Organisationen. Andere müssen zusätzliche Übersetzungs-, Anpassungs- oder Erklärungsleistungen erbringen, um gehört, verstanden oder ernst genommen zu werden. Das bedeutet nicht zwangsläufig bewusste Benachteiligung. Es zeigt aber, dass nicht alle Menschen unter denselben Voraussetzungen an gesellschaftlichen und organisationalen Prozessen teilnehmen. Was für die einen als „professionelles Auftreten“ gilt, kann für andere eine schwer zugängliche, unausgesprochene Spielregel sein. Und unausgesprochene Spielregeln sind besonders wirksam, weil sie selten als Regeln erkannt werden.

Gerade deshalb reicht es nicht aus, Kultur als Wissen über andere Menschen zu verstehen. Viele klassische interkulturelle Trainings konzentrieren sich auf Fragen wie: Wie kommunizieren Menschen in Land X? Worauf sollte man bei Geschäftsterminen in Land Y achten? Welche Besonderheiten gelten in Region Z? Solches Wissen kann in bestimmten Situationen hilfreich sein. Natürlich ist es nicht egal, wo Menschen arbeiten, leben oder welche gesellschaftlichen Konventionen in bestimmten Kontexten relevant sind. Die Hoffnung dahinter ist nachvollziehbar: Wenn wir nur genügend über „die anderen“ wissen, verschwinden Missverständnisse irgendwann von selbst. Die schlechte Nachricht lautet: So einfach ist es leider nicht. Wer schon einmal versucht hat, Menschen anhand einer Liste kultureller Eigenschaften zu verstehen, kennt das Problem. Die Realität hält sich erstaunlich selten an unsere Kategorien. Menschen sind meist deutlich komplexer als die Schubladen, in die wir sie einordnen möchten. Und Schubladen haben die unangenehme Eigenschaft, dass man Menschen darin nur schwer atmen lassen kann. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Wie sind die anderen?“ Sondern: „Warum erscheint diese Situation für andere möglicherweise anders als für mich?“ Mit dieser Frage verändert sich die Perspektive grundlegend. Der Fokus verschiebt sich von der Suche nach Eigenschaften anderer Menschen hin zur Reflexion der eigenen Annahmen. Kulturkompetenz beginnt deshalb nicht mit dem Sammeln von Antworten über andere. Sie beginnt mit der Fähigkeit, die eigene Sichtweise zu befragen. Welche Erwartungen bringe ich in eine Situation ein? Was halte ich für selbstverständlich? Welche Art von Kommunikation wirkt auf mich vertrauenswürdig? Wem traue ich Kompetenz zu? Wann bewerte ich Verhalten als respektvoll, distanziert, unsicher oder unprofessionell? Und wo vergesse ich, dass auch meine Wahrnehmung eine Perspektive ist? Solche Fragen sind nicht immer bequem. Aber sie sind produktiv.

Der Anthropologe Paul Bohannan brachte diese ethnologische Haltung im Titel seines Buches „Fast nichts Menschliches ist mir fremd“ auf den Punkt. Der Blick auf andere Lebensweisen erweitert nicht nur unser Verständnis für andere Menschen. Er verändert auch den Blick auf uns selbst. Genau darin liegt die besondere Stärke ethnologischen Denkens: Es macht die eigene Welt erklärungsbedürftig. Vielleicht liegt genau darin auch die eigentliche Bedeutung von Kulturkompetenz. Nicht darin, möglichst viele Antworten über andere Menschen zu sammeln. Sondern darin, in die Lage versetzt zu werden, bessere Fragen stellen zu können. Wie verstehen andere die Welt? Welche Annahmen halte ich für selbstverständlich? Welche Perspektiven werden in meinem Umfeld leicht gehört – und welche müssen sich erst mühsam Gehör verschaffen? Was kann ich lernen, wenn ich meine eigene Sichtweise nicht als Maßstab, sondern als Ausgangspunkt betrachte? Kulturkompetenz beginnt dort, wo Neugier stärker wird als Gewissheit. Dort, wo wir nicht sofort urteilen, sondern zunächst verstehen wollen. Und dort, wo wir erkennen, dass Perspektivwechsel keine nette Zusatzqualifikation ist, sondern eine zentrale Kompetenz für Zusammenarbeit, Führung und gesellschaftliches Miteinander.

Kultur ist also nicht die Antwort auf die Frage, woher jemand kommt. Kultur ist eine Einladung, genauer hinzusehen: wie Menschen Bedeutung herstellen, wie Selbstverständlichkeiten entstehen, wie Macht und Zugehörigkeit wirken – und wie Verstehen möglich wird, ohne Unterschiede glattzubügeln. Genau dort beginnt Kulturkompetenz. Und genau dort beginnt GLUE.

Text: Dr. Lisa Johnson

Weiterführende Literatur

Banaji, M. R. & Greenwald, A. G. (2013): Blindspot: Hidden Biases of Good People.

Bohannan, Paul (2002): Fast nichts Menschliches ist mir fremd: Wie wir von anderen Kulturen lernen können. Wuppertal: Peter Hammer Verlag.

Bourdieu, Pierre (1984): Distinction: A Social Critique of the Judgement of Taste.

Geertz, Clifford (1973): The Interpretation of Cultures.

Agar, Michael (1994): Language Shock: Understanding the Culture of Conversation.